Warum ich den KAV verlasse

Von einer anonymen KAV-Assistenzärztin

Es beginnt damit, dass ich nach meinem Studium zwei Jahre auf eine Stelle bei der Stadt Wien warte – eine Zeit, die dazu dient „meinen Charakter zu stärken“, wie ich später seitens der Ärztlichen Direktion erklärt bekommen werde.
Endlich mache ich meine lang ersehnte Fachausbildung im KAV. Ich bin froh, meinem beruflichen Traum ein großes Stück näher gekommen zu sein. Die Arbeit am Patienten macht mir Spaß.
Obwohl ich im Monat 30 Überstunden mache, wird der Arbeitsalltag von einem permanenten Gefühl der ausgedünnten Ärztepräsenz dominiert. Ich bin zwar auf einer Station eingeteilt, muss aber immer wieder anderswo aushelfen, weil es sich sonst dort nicht mehr ausgeht – Patienten wirklich kennenzulernen, ist dadurch natürlich nicht möglich.

Weiterbildung auf Bereitschaft

Mein Mann ist auch Arzt und vollzeitbeschäftigt, inklusive Nachtdienste. Als wir Kinder bekommen, wird die Versorgung nach Ende der Karenz zu einer logistischen Großaufgabe – durch die Tatsache, dass ich bei der Stadt um 13 Uhr Schluss habe, letztendlich aber bewältigbar. Diesen frühen Dienstschluss muss ich mir allerdings durch vier 25-Stunden-Dienste im Monat, davon mindestens zwei an Wochenenden, erarbeiten. Meistens sind es allerdings fünf oder sechs.
Urlaubswünsche oder Kongressbesuche werden regelmäßig zum Kampf. Einmal wird mir gesagt: „Sie können nur unter der Bedingung am Kongress in Deutschland teilnehmen, dass Sie im Krankheitsfall eines Kollegen auf eigene Kosten zurückfliegen.“
Ich bin zuständig für die Dienstplaneinteilung und die Anwesenheiten auf den einzelnen Stationen. Da es kein funktionierendes Tool zur Unterstützung gibt, rechne ich alles händisch aus – zahllose Stunden, die ich hiermit verbringe, anstatt beim Patienten.

Voller Einsatz im Alltag, in den Medien verhöhnt

Als die ersten Gehaltsverhandlungen mit der Stadt Wien stattfinden, erlebe ich mit, wie mein Arbeitgeber (und auch meine offiziell zuständige Gewerkschaft) das mediale Bild von geldgierigen, auf ihren Privilegien sitzenden und nächtens grundsätzlich schlafenden Ärzten zeichnet. Und das, während ich in den verlängerten Diensten zu jeder Tages- und Nachtzeit Patienten aus ganz Wien behandle. Selbstständig kommend, mit der Rettung, in Begleitung besorgter Angehöriger, auch dem Frust und der Wut ausgesetzt, wenn die Therapie, die ich anbiete, nicht den Erwartungen entspricht.
Nachdem das Ergebnis der Verhandlungen feststeht, muss ich verfolgen, wie sich die Stadträdtin und der Generaldirektor selbst auf die Schulter klopfen, als sie verkünden, dass jetzt auch für Ärzte das Arbeitszeitgesetz gilt.

12,5-Stunden-Dienste: Urlaub nicht mehr möglich

Es ist auch das erste Mal die Rede von 12,5-Stunden-Diensten, die auf freiwilliger Basis auf Abteilungsebene und nur nach ausdrücklicher Zustimmung des einzelnen Arbeitnehmers eingeführt werden können. An meiner Abteilung ist völlig klar, dass eine Besetzung von sechs bis sieben Assistenzärzten das Bespielen eines solchen Dienstrades völlig unmöglich macht. Die Personaldecke würde aufgrund der erhöhten Ruhezeiten in einem nicht mehr tragbaren Maße weiter ausgedünnt werden. Wie dann jemand noch auf Urlaub gehen soll, weiß keiner.
Zudem wäre es für mich, abgesehen von der unerträglichen Arbeitssituation, keine Option, da meine „vermehrte“ Freizeit hauptsächlich zu Zeiten zu konsumieren wäre, in denen meine Kinder im Kindergarten und mein Mann in der Arbeit sind. Aber es ist ja freiwillig, also sagen wir nein.

Überstunden nur noch wochentags erlaubt

Da meine Überstunden gleichbleibend sind, steigt mein Gehalt zunächst tatsächlich um einige Prozent an – von den kolportierten 30 Prozent plus ist es allerdings meilenweit entfernt. Irgendwann wird in den Medien sogar von 50 Prozent die Rede sein. Bald darauf beschließt die Stadt, dass Überstunden nur noch wochentags und untertags eingetragen werden dürfen, wo sie natürlich nicht so viel wert sind. Dass ich auch Sonntagnacht Überstunden abarbeite, oder Weihnachten, oder Ostern, wird hier nicht weiter in Betracht gezogen.
Die in den Verhandlungen als Erfolg gefeierten erhöhten Nachtdienstzulagen wurden (bislang?) noch gar nicht ausgezahlt – ein EDV-Problem, wie praktisch.

Schließungen von Stationen und Ambulatorien

Es wird zu keiner Leistungsreduktion kommen, heißt es. In den folgenden Monaten erlebe ich jedoch in meiner unmittelbaren Umgebung mehrere Schließungen von Stationen oder Ambulatorien. Die Versorgung der dortigen Patienten muss jetzt von meiner Abteilung mitbespielt werden, auch wenn teilweise die Expertise dafür fehlt.
Pünktlich zum Sommerbeginn kommt die Dienstanweisung seitens der Generaldirektion, KAV-weit Nachtdiensträder zu streichen und Diensträder zwangsweise auf 12,5-Stunden umzustellen – so auch mein Dienstrad. Da keiner von uns das will, besprechen wir mit unserem Abteilungsvorstand Strategien, wie wir dem entkommen können.

Mit Kündigung gedroht

In der medialen Schlammschlacht, die auf den nahenden Ärztestreik folgt, lese ich in den Zeitungen regelmäßig Kommentare, dass ich nach 13 Uhr nur noch in meine Privatordination hechte und es daher ablehne, „die Nacht in den Tag zu verlagern“ (was auch immer das heißen soll). Zudem wird mir unterstellt, dass ich nicht selbst denken kann und nur von meiner Standesvertretung instrumentalisiert werde, und dass es abartig sei, diesen Arbeitskampf auszufechten.
In einer E-Mail wird mir vom Personalvorstand einer roten Stadtregierung geradeheraus mit Kündigung gedroht, sollte ich am Streik teilnehmen – dies unter dem Deckmantel einer „Fürsorgepflicht“.

Realität frisst Gehaltserhöhung

Ich erfahre in den Medien, dass ab sofort Überstunden (die ich mache, damit der Betrieb nicht auseinanderfällt) nicht mehr ausbezahlt werden. Den Zeitausgleich, der mir stattdessen zusteht, kann ich mir gemeinsam mit meinen zahllosen Resturlaubstagen in ein Regal stellen. Die ursprüngliche Gehaltserhöhung hat sich somit wieder erfolgreich egalisiert.

Das Porzellan ist nachhaltig zerschlagen

Die Stimmung in meiner Abteilung ist unter dem Gefrierpunkt. Früher hatte ich Spaß daran, mit meinem Team zu arbeiten. Heute ist eine ungestörte Arbeit kaum noch möglich, da uns jeden Tag eine andere Hiobsbotschaft seitens unseres Arbeitgebers überfällt. Haben sich damals mit mir gemeinsam noch elf andere um meine Ausbildungsstelle beworben, müssen wir heute froh sein, wenn wir überhaupt noch Interessenten finden. Das Porzellan ist nachhaltig zerschlagen, und ich kann niemandem mehr guten Gewissens empfehlen, eine Anstellung im KAV zu suchen.

Familienfeindliches Modell

Schließlich bekommen wir doch noch die Dienstanweisung seitens unseres Abteilungsvorstandes, das 12,5-Stunden-Modell umzusetzen. Die Argumente, die wir bisher dagegen gebracht haben, zählen nicht – es muss zumindest ausprobiert werden. Dass ich meine Familie dann noch weniger sehe, dass ich wesentlich häufiger eine Betreuung auf die Beine stellen muss, weil ich viel öfter meinen Dienst antreten muss, ist irrelevant.
Zu diesem Zeitpunkt bin ich mit meinem letzten Ausbildungsjahr fertig. Ich habe eine abgeschlossene teure Zusatzausbildung. Meine Facharztprüfung habe ich schon bestanden. In meiner Abteilung wäre man sicher froh, mich im nächsten Jahr als Fachärztin anzustellen.
Aber ich habe Gott sei Dank Alternativen – und der KAV kann sich ein solches Vorgehen wie in den letzten zwei Jahren nur bei Mitarbeitern leisten, die keine Alternative haben.

Also kündige ich.

Heute in der Morgenbesprechung fällt die verzweifelte Aussage einer erfahrenen Oberärztin: „Ich brenne hier aus!“ Die lapidare Antwort des Abteilungsvorstandes: „Das tun wir alle.“

Ich bin froh, dass ich gehe.

Jeder wird einmal Patient…

von einem anonymen Assistenzarzt am KH Hietzing

Liebe Freunde,

warum stimmen 93% der Ärzte für einen Streik? In den letzten Tagen hat man dazu widersprüchliche Meldungen in den Medien gehört. Ich möchte Euch meine persönliche Sichtweise darlegen.

Laut EU-Gesetz von 2003 dürfen Ärzte nicht länger als 48 Stunden arbeiten. Die Stadt Wien, die Gewerkschaft und die Ärztekammer haben 12 Jahre lang nichts unternommen, um diesem Gesetz zu entsprechen. Erst als die EU mit Strafzöllen gedroht hat, ist die Stadt Wien aktiv geworden. Andere Bundesländer haben entweder früher mit der Umstellung begonnen (NÖ) oder längere Übergangsfristen gewährt (zB Tirol). Der Krankenanstaltenverbund (KAV) wollte die Reduktion der Arbeitszeit innerhalb eines halben Jahres umsetzen.

Wir Ärzte haben vor der Einführung des Arbeitszeitgesetzes im Schnitt 55-60 Stunden/Woche gearbeitet. Jetzt dürfen wir maximal 48 Stunden arbeiten. In einigen großen Krankenhäusern (zB Rudolfstiftung) darf ab Oktober keine geplante Überstunde mehr anfallen. Die Anwesenheit der Ärzte wurde/wird um 1/3 reduziert (von 60 auf 40 Stunden). Stellt euch vor die Stadt Wien hätte mit einem Schlag ein Drittel aller Polizisten entlassen oder 1/3 aller Lehrer oder 1/3 aller Richter!
Die Folge des Ärztemangels ist, dass die Tagespräsenz der Ärzte massiv gekürzt worden ist, Spezialambulanzen wurden/werden geschlossen, die OP Leistungen wurden/werden reduziert, junge Ärzte können nicht mehr ausgebildet werden.

Wir sollen, bei einer de-facto Reduktion von 1/3 aller Ärzte, dieselbe Leistung erbringen. Dies ist unmöglich und dagegen wehren wir uns!

Was mich persönlich jedoch noch mehr stört, ist der autoritäre Führungsstil des KAV-Managements, der das Betriebsklima völlig zerstört hat. Mitarbeiter, die hausintern per Email Kritik üben, werden in die Generaldirektion zitiert. Unter den Ausbildungsärzten kursiert das geflügelte Wort „Ich möchte nicht zum Rainer werden“ (Anmerkung: Gernot Rainer hat mehrfach Kritik am KAV geäußert, sein Vertrag wurde nicht verlängert). Während über uns ein Maulkorberlass ausgesprochen wurde, füttert die Generaldirektion die Medien täglich mit Falschmeldungen (30-50% mehr Gehalt, erhöhte Tagespräsenz, blah, blah, blah). Dies ist für mich als Mitarbeiter unerträglich.
Diese Reform wird einzig aus wirtschaftlichen Gründen gemacht. Medizinische Standpunkte spielen keine Rolle! Wem eine öffentliche Gesundheitsversorgung wichtig ist, geht mit uns auf die Straße!
In eurem eigenen Interesse (jeder ist/wird einmal Patient), seid solidarisch mit den Ärzten und unterstützt uns bei unserem Protest.

Der KAV und die Ethik, die er gerne hätte…

Herr Generaldirektor Udo Janßen wirft der Wiener Ärzteschaft also unethisches Verhalten vor. Ich frage mich, womit er dies begründet.

Eine einwandfreie Patientenversorgung für die Wiener Bevölkerung zu gewährleisten wird langsam aber sicher zu einer unmöglichen Aufgabe. Es bleibt immer weniger Zeit für die Patientinnen und Patienten, wir arbeiten nach wie vor über die Normalarbeitszeit hinaus, mit dem Unterschied, dass Überstunden nicht mehr ausbezahlt werden. Die Wiener Ärztinnen und Ärzte gehen allesamt an ihr Limit, nur damit die Patientinnen und Patienten nicht zu Schaden kommen. Seitens des KAV werden immer mehr Steine in den Weg gelegt, wird immer weiter gekürzt und gestrichen und dennoch versucht die Wiener Ärzteschaft alles, damit die Patientinnen und Patienten nicht darunter leiden müssen.

Sieht so unethisches Verhalten aus?

Kein Wunder, dass ein Drittel der österreichischen Klinikärzte sich nicht noch einmal für den Arztberuf entscheiden würde und zwei Drittel der Medizin-Absolventen ins Ausland wollen. Die zu erwartenden Arbeitsbedingungen sind mehr als abschreckend. Zu wenig Personal, zu viele Patienten und zu viel Bürokratie – seine Angestellten unter solchen Bedingungen arbeiten zu lassen ist verantwortungslos und unethisch!

Von einem anonymen Facharzt am Otto-Wagner-Spital

Ich hätte da ein paar Fragen …

Ein Oberarzt der Chirurgie bloggt

Hat sich der KAV eigentlich überlegt,

– wie in einer 40-Stunden-Woche eine Assistenzarztausbildung an einer chirurgischen Abteilung erfolgen kann,
– der OP-Katalog überhaupt erfüllt werden kann,
– wie der Fortbildungsnachweis erbracht werden kann, wenn die Anwesenheit bei der wöchentlichen Fortbildung nahezu unmöglich wird,
– wie die Ausbildung ohne entsprechende Routinedienstpräsenz angerechnet werden kann,
– wie die jungen Fachärzte für größere und schwierigere OPs angelernt und darauf vorbereitet werden,
– und vor allem von wem?

In der Chirurgie gibt es in 40 Stunden keine OP-Routine, keine Lernkurve und man bleibt auch nicht in Übung. Schon gar nicht, wenn nebenher auch Ambulanz- und Stationsarbeit wie auch Administratives zu erledigen sind.
Wer von den stationsführenden Oberärzten kann eine Station ohne ausreichende Anwesenheit tatsächlich führen, wenn er nur drei von sieben Tagen anwesend ist und in dieser Zeit auch noch operiert?
Welcher Primar kann seine Abteilung auf diese Art führen, wenn er selbst viele Stunden für aufwändige Eingriffe im OP steht – und dafür dann tagelang abwesend sein müsste, um nicht über die 40 Stunden zu kommen?
Ist es tatsächlich rechtens, dass ein Dienstgeber Überstunden verbietet, wenn dies so einschneidende Konsequenzen für die Ausbildung und derzeitige wie künftige Patientenversorgung hat? Vor allem auch, wenn es um medizinische Versorgung geht, die auf gar keinen Fall „ausgelagert“ werden kann – weder in die Niederlassung noch in die Privatmedizin.
Ist es tatsächlich möglich – und damit meine ich rechtlich haltbar – dass durch eine Verordnung/ein Dekret/eine Entscheidung des Dienstgebers die Ausbildung nicht nur ineffizient, sondern vollkommen unmöglich wird?
Mit der 40-Stunden-Woche – so glaube ich – kippt nicht nur die Patientenversorgung, sondern die Facharztausbildung per se. Vor allem in Fächern, welche einen Arbeitstag nur bedingt planen können.
Darf der KAV wirklich durch das Verbieten von Überstunden die Facharztausbildung wie auch die Ausbildungstätigkeit und bisherige Patiententätigkeit zunichtemachen?

Manchmal lügen Zahlen doch – realitätsfremde Annahmen des KAV

Beitrag einer Wiener HNO-Ärztin

Wien wächst seit über einem Jahrzehnt kontinuierlich, wird in absehbarer Zukunft die Zwei-Millionen-Marke überschreiten. Zudem wird die Bevölkerung insgesamt älter, was bedeutet, dass der Bedarf an medizinischen Leistungen immer weiter steigen wird.

Daher kann ich in meinem Bereich HNO über so manche Annahme im „Wiener Spitalskonzept 2030“ des KAV nur den Kopf schütteln.

Weniger Patienten?! 

Im Jahr 2014 hat es in Wiens Gemeindespitälern 8.368 Aufnahmen im HNO-Bereich gegeben – stationär, tagesklinisch und ambulant zusammengenommen. Für das Jahr 2030 wird – Bevölkerungswachstum und Abflachen der Alterspyramide miteingerechnet – ein Bedarf von 8.300 angenommen, also etwas weniger als derzeit. Meine persönliche Schätzung hingegen liegt bei etwa dem doppelten Wert.

Abteilungen werden geändert, obwohl es nicht besser geht.

Ein zweites Beispiel:
Im Zuge des Konzepts wird auch ein Ist- und Soll-Wert bezüglich PatientInnen-Verweildauer für die einzelnen Fachbereiche angegeben. Bei diesem Koeffizienten geht es also um die Bettenauslastung und Einsparungspotenziale.

Der Ist-Wert in Wiens HNO-Abteilungen liegt bei 1,01, der Sollwert bei 1,00. Man muss kein Mathematik-Genie sein, um zu sehen, dass wir uns hier schon am Optimum befinden und keine Einsparungspotenziale mehr vorhanden sind. Dennoch sind auch im HNO-Bereich zahlreiche Abteilungsschließungen, Übersiedlungen und Betteneinsparungen geplant.

Ich leide… 

Was ist in diesem Zusammenhang die einzig mögliche Folge von Einsparungen einer am Effizienz-Optimum arbeitenden Fachrichtung? Richtig, noch längere Wartezeiten! Das tut mir als HNO-Ärztin besonders weh, weil die Situation für die PatientInnen teilweise jetzt schon unerträglich ist – trotz des großen Einsatzes und Kampfgeistes der jeweiligen Abteilungen.

Der Trend, die PatientInnen in Wahlordinationen zu treiben, wird also weiter verstärkt. Diejenigen, die sich keinen Wahlarzt leisten können, bleiben auf der Strecke.

Manchmal lügen Zahlen eben doch.

Keine Anästhesisten: Gersthof operiert nicht mehr

Im Orthopädischen Krankenhaus Gersthof werden seit heute, 22.12.2015, keine orthopädischen Operationen mehr durchgeführt. Es sind zwar genügend Orthopäden anwesend, diese können aber ohne Anästhesisten, die in diesem Durchrechnungszeitraum (bis Ende Dezember) nicht mehr arbeiten dürfen, nicht operieren.

Wartezeiten über ein Jahr

Dadurch werden weitere Operationen aufgeschoben, wodurch die Wartezeiten noch länger werden, als sie ohnehin schon sind.

In allen Wiener-Gemeindespitälern beträgt die Wartezeit auf eine orthopädische OP bereits mindestens 10 Monate. Ausweichen auf andere Spitäler? Eigentlich unmöglich. So ist es beispielsweise in Speising noch dramatischer: schon seit Jahren bekommt man hier keinen OP-Termin, ohne mehr als ein Jahr warten zu müssen.

Wer in Wien eine orthopädische Operation (wie beispielsweise eine Hüft-OP) braucht und sofort operiert werden will, weil die Schmerzen unerträglich sind, muss diese privat bezahlen. Die 2-Klassen Medizin ist längst Realität.

Hohes Risiko für Patienten

Die Abwesenheit der Anästhesisten hat aber auch noch ganz andere Auswirkungen, die ein hohes Risiko für die Patientinnen und Patienten darstellen können: Tritt ein orthopädischer Notfall ein (z.B. eine eitrige Gelenksentzündung oder ein akuter Bandscheibenvorfall) und kein Anästhesist ist da, müssten die Patienten aus dem Krankenhaus mit der Rettung in ein anderes Krankenhaus gebracht werden.
Was sagt uns das über unser Gesundheitssystem?

Für Notfälle nicht gerüstet

Die Patientinnen und Patienten der Orthopädie sind überdurchschnittlich alt und haben dadurch ein erhöhtes Risiko für akute Notfälle. Da es in Gersthof keine Internisten gibt, übernehmen im Falle eines Herzinfarkts oder bei ähnlichen lebensbedrohlichen Zwischenfällen ebenfalls die Anästhesisten die Erstversorgung. In ihrer Abwesenheit bleibt nur zu hoffen, dass bei den vielen alten Patientinnen und Patienten nichts passiert während der Feiertage, was einem kleinen Weihnachtswunder gleichkommen würde.

Einsparungen, Überwachung und neue Ideen um Ärzte zu frustrieren

Am gestrigen Freitag erreicht mich ein Anruf aus einem Wiener Gemeindespital.

Was mir die Kollegen auf der anderen Seite der Leitung schildern, klingt zuerst unglaubwürdig, aber nach kurzer Überprüfung macht es mich ungewohnt wütend… und eigentlich traurig.

„Tätigkeits- und Belastungsanalyse“

Ein Mitarbeiter der Generaldirektion des Wiener Krankenanstaltenverbunds hat an Chirurgen iPhone-ähnliche Geräte ausgeteilt, die jeder Arzt ab 1.1.2016 im Nachtdienst mit sich zu führen hat. Dieses Gerät soll zwischen 5 und 15 Minuten, je nach Einstellung, piepsen und den Arzt auffordern, seine gerade durchgeführte Tätigkeit einzugeben. In Ruhephasen kann man es deaktivieren.

Die betroffenen Kollegen wurden weder gefragt, noch wurde diese Überwachungs-Maßnahme angekündigt. Es gab keine Kommunikation. Nach meinem Wissensstand wusste außer der ärztlichen Direktorin (die auch in der Primarärztesitzung nichts davon erwähnte), niemand davon.

Ich kann die Empörung und den Frust unter den Kolleginnen und Kollegen nachvollziehen und spreche mich klar gegen diese Form der „Analyse“ aus.

Einsparungen

Des weiteren wurden in den vergangenen Tagen einige geplante Einsparungen bekannt:

Im Bereich der Pflegewohnheime sollen viele ärztliche Nachtdienste gestrichen werden. Eine schlechtere medizinische Versorgung mit viel mehr Aufnahmen in den Akutspitälern, einschließlich beschwerlicher Rettungstransporte für die pflegebedürftigen alten Patienten, wird die Folge sein. Durch den größeren Aufwand, werden auch Mehrkosten damit verbunden sein.

Außerdem muss die Frage gestellt werden, wie man diese Patienten denn zukünftig in der Nacht versorgen will?

Aus den Gemeindespitälern hört man nämlich auch nur von geplanten Kürzungen:

Nachtdienste werden, ohne Kenntnis der Verantwortlichen im KAV welche Leistungen überhaupt in der Nacht erbracht werden, gestrichen.

Leistungseinschränkungen

Dabei ist es bereits zu massiven Leistungseinschränkungen gekommen. Um nur ein Beispiel zu nennen:

Aus Personalmangel wurden im Wilhelminenspital auf den internen Abteilungen (Onkologie, Pulmologie) Stationen gesperrt. Da diese Stationen aber natürlich nicht leer, und damit noch Patienten zu versorgen waren, wurde die Zahl der Gangbetten in den noch geöffneten Stationen erhöht. Ein Schildbürgerstreich auf Kosten der Patienten.

So kann es einfach nicht weitergehen!

Wir als Vertretung der Ärztinnen und Ärzte werden sicherlich nicht tatenlos zusehen, wie willkürlich ein relativ gut funktionierendes Gesundheitssystem an die Wand gefahren wird.

Dr. Thomas Szekeres

Präsident der Ärztekammer für Wien

Psychiatrische Abteilung: Wir sind überfordert ohne Facharzt!

Von einer anonymen Assistenzärztin am Otto-Wagner-Spital.

Die 4. psychiatrische Abteilung des Otto-Wagner-Spitals versorgt psychisch Kranke vom 20. und 21. Bezirk (320.000 Einwohner) und hat drei Stationen mit je 20 Betten plus einer Tagesklinik.

In den letzten Monaten haben uns fünf Fachärzte verlassen – vier haben um Versetzung an eine andere Abteilung ersucht, eine ging zurück in ihr Heimat-Bundesland. Jetzt gibt es gerade noch vier Oberärzte, von denen eine kurz vor ihrer Pension steht und dementsprechend nicht mehr prädestiniert für viele Nachtdienste ist. Als Reaktion auf den Fachärztemangel hat man die gerontopsychiatrische Station gesperrt und alle Patienten ab 60 Jahren werden auf die anderen psychiatrischen Abteilungen verteilt. Der Primar macht selbst nur drei Nachtdienste und die offenen Oberarzt-Nachtdienste können nicht mehr besetzt werden. Darum sucht man jetzt Psychiater von außerhalb, die sie übernehmen sollen.

Wir wurden schon mehrmals vom Primar angewiesen, den Dienst ohne Oberarzt zu machen und bei Bedarf einen Oberarzt von einer anderen Abteilung zu rufen – Supervision nennt man das.

Wir wollen das aber nicht! Wir fühlen uns fachlich nicht sicher genug, alleine an der Abteilung zu arbeiten und haben Sorge, dass wir bei zeitgleichen Akutsituationen nicht zurechtkommen. Und wir dürfen nach dem Unterbringungsgesetz ja auch gar keine Aufnahmen alleine machen und dürfen auch nicht die Verantwortung für ambulante Begutachtungen übernehmen.
Außerdem haben unsere stationären Patienten oft auch körperliche Erkrankungen, die zu Zwischenfällen führen können. Risikopatienten können jederzeit versuchen, sich umzubringen, können stürzen oder fremdaggressiv gegen das Personal und Mitpatienten werden. Dazwischen verlässt vielleicht wieder ein Patient ohne Rücksprache die Station und man soll in Einschätzung der Gefährdung entscheiden, ob er polizeilich gesucht werden soll – auch das ist fachärztlich zu entscheiden, aber es ist kein Facharzt da! Ebenso wenig ist ein Facharzt da, wenn ein akut tobender Patient gegen seinen Willen behandelt werden muss. Wartet man dann, bis der Oberarzt der anderen Abteilung da ist und lässt den Patienten 20 Minuten lang festhalten und schreien? Oder beginnt man die medikamentöse Behandlung – mit dem Risiko eines Zwischenfalls – alleine?

Auch wenn zuletzt Rettungen weitergeschickt und nur ambulante Patienten begutachtet wurden, die selbstständig und ohne Rettung kamen, kann die Situation jederzeit eskalieren. Denn ob jemand mit der Rettung kommt oder nicht, sagt meist nichts über die Schwere der psychiatrischen Erkrankung aus. Ausnahmen sind hier Amtsarzteinweisungen und jene mit Polizeibegleitung, die meist schon zu einer stationären Aufnahme führen.

Aber was ist, wenn der Oberarzt der anderen Abteilung selbst gerade einen Notfall hat und nicht sofort kommen kann? Was ist, wenn der Patient in der Wartezeit zu Schaden kommt? Haften wir dann dafür?

Wir fühlen uns überfordert, weil wir nicht ausreichend lange psychiatrische Ausbildungszeiten haben, aber trotzdem Dienstanweisung erfüllen müssen, obwohl wir unsere Bedenken geäußert haben, dass es zu Gefährdungen kommen kann – sowohl für Patienten als auch für das Personal an den Abteilungen.

KAV lenkt ein – Nachtdienstrad bleibt besetzt

Wir konnten einen weiteren Erfolg erzielen! Der KAV hat der Ärztekammer heute Morgen zugesichert, dass das Nachtdienstrad an der Kinderabteilung im Wilhelminenspital nicht gestrichen wird. schuetzenwirunserespitaeler.at konnte genug Druck erzeugen und die Verantwortlichen zur Vernunft bringen.

Wir sehen das als kleinen Schritt in die richtige Richtung – es gibt aber noch viel zu tun.

Wilhelminenspital streicht Nachtdienst in Kinderabteilung!

Wie schuetzenwirunserespitaeler.at aus verlässlichen Quellen erfuhr, wurde im Wilhelminenspital ein Nachtdienst in der Kinderabteilung (!!!) gestrichen. Zusätzlich soll ein weiterer auf 12,5 Stunden reduziert werden. Diese Rationalisierungsmaßnahmen sind nicht hinzunehmen – vor allem dann nicht, wenn es sich um Kinderabteilungen handelt.

Bezeichnend ist, dass diese Maßnahmen ohne jegliche Abstimmung mit dem Mittelbau durchgesetzt wurden. Scheinbar soll dieses „Modell“ in allen KAV-Spitälern durchgezogen werden – eine angstmachende Vorstellung!
Genau darum ist es wichtig, ständig wachsam zu sein und auf diese Entwicklungen aufmerksam zu machen. Es darf in unseren Wiener Krankenhäusern keine Einsparungen dieser Art geben!

Dieser Blog ist das Resultat aus Einsendungen, die wir unter http://schuetzenwirunserespitaeler.at/#ihrestory erhalten haben.