Der Ärztemangel ist auch in Wien angekommen

Von Dr. Peter Rausch, Internist im Krankenhaus Göttlicher Heiland

Seit 1. Jänner 2015 gilt die EU-Regelung, dass Spitalsärzte nur noch durchschnittlich 48 statt 60 Stunden pro Woche arbeiten dürfen. Bei uns im Krankenhaus Göttlicher Heiland werden zurzeit noch alle Leistungen normal erbracht. Es zeichnet sich aber ab, dass es in einigen Bereichen zu Einschränkungen kommen wird. Vor allem in den Bereichen der Anästhesie, der Gynäkologie und Geburtshilfe sowie durch die hohe Belastung von Turnusärzten in der Chirurgie könnte es in absehbarer Zeit zu Problemen kommen. Vor allem an der Anästhesie herrscht, wie in ganz Österreich, schon seit langem Mangel. Ohne unsere hochqualifizierten slowakischen Kollegen könnten wir die Anästhesie zusperren. Ein akutes Problem gibt es auch auf der Gyn, wo derzeit eine Facharztstelle unbesetzt ist und eine karenzierte Oberärztin noch nicht nachbesetzt werden konnte.

Keine Besserung in Sicht?
Doch auch abseits der akuten Schwierigkeiten zeichnet sich für die Zukunft keine Besserung ab. Zahlreiche Ärzte der Babyboom-Generation gehen in den kommenden Jahren in Pension. Zudem locken die Nachbarländer vor allem unsere Jungärzte mit besseren Angeboten. In Deutschland zahlen sie etwa 50 Prozent mehr, in der Schweiz zum Teil sogar das Doppelte. Auch die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen sind dort deutlich attraktiver. Die Versäumnisse reichen hier bis weit in die Vergangenheit zurück. Selbst in Zeiten der Ärzteschwemme wurden in ganz Österreich nur so viele Ärzte eingestellt, wie unbedingt notwendig und diese durch die Gehaltsstruktur – adäquate Entlohnung nur über zahlreiche Nachtdienste und Überstunden – mit enorm vielen Arbeitsstunden sehr hoch belastet.

Dienst von Freitag 07:15 bis Montag 16:15
Ich habe selbst viele Dienste von Freitag 07:15 Uhr bis Montag 16:15 Uhr gemacht. Und auch die neue EU-Regelung ermöglicht weiterhin Arbeitszeiten von bis zu 72 Stunden pro Woche. Die immer wieder zitierten 48 Stunden Höchstarbeitszeit pro Woche beziehen sich schließlich auf einen Durchrechnungszeitraum von 17 Wochen. Wir brauchen also eindeutig zusätzliches Personal! Doch dieses ist aufgrund der oben genannten Situation leider schwer zu finden. Wir empfinden alle im Dienst ein hohes Maß an Verantwortung gegenüber den Patientinnen und Patienten. Doch die Arbeitsbelastung steigt beständig. Wenn ich es mir aussuchen kann, werde ich auch lieber von einem ausgeschlafenen Chirurgen operiert, als von einem, der schon 20 Stunden durchgearbeitet hat. Es ist also unumgänglich, eine gerechte Regelung zu finden sowie ausbildungs-, verantwortungs- und marktadäquate Gehälter zu bieten.

Ein Viertel Sekretär
Wie in vielen österreichischen Krankenhäusern mangelt es auch uns an Verwaltungskräften. Fachärzte klopfen Nummern in den Computer und schreiben Berichte, während sie sich eigentlich den Menschen widmen könnten. Ein Viertel meiner Arbeitszeit bin ich Sekretär. Das ist Zeit, die uns bei der Betreuung unserer Patienten fehlt. Hier kam es in den letzten 30 Jahren zu Fehlentwicklungen. Das Personal muss unbedingt zielgerichteter eingesetzt werden.

Von der Geburt bis ins Alter
Die Struktur und die Situation im Krankenhaus Göttlicher Heiland ist in vielen Punkten mit anderen Spitälern vergleichbar, aber in den letzten Jahren nur zum Teil an die steigende Versorgungsleistung des Krankenhauses angepasst worden. Wir sind ein Spital mit Öffentlichkeitsrecht und stehen allen Patienten offen, unser Leitbild –die Not der Zeit lindern- wird gelebt. Unser Spital mit seinem breiten Leistungsspektrum von der Geburt bis ins hohe Alter genießt, trotz seiner verhältnismäßig geringen Größe und einer Kapazität von 290 Betten, einen hervorragenden Ruf. Es ist in Gebieten wie der Palliativmedizin Vorreiter und darf auf die erste geriatrische Abteilung in Österreich verweisen. Mit unseren vielfältigen Leistungen können wir 90 bis 95 Prozent der Krankheiten gut behandeln. Und wir werden für unsere Patienten alles tun, um unsere hohe Versorgungsqualität auf jeden Fall zu halten. Möglicherweise müssen wir die Kapazitäten aber für geplante Operationen und andere, nicht akut notwendige Leistungen, reduzieren. Die Nahversorgung, vor allem für die Einwohner des 17. Bezirks, muss aber gegeben sein.

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