Psychiatrische Abteilung: Wir sind überfordert ohne Facharzt!

Von einer anonymen Assistenzärztin am Otto-Wagner-Spital.

Die 4. psychiatrische Abteilung des Otto-Wagner-Spitals versorgt psychisch Kranke vom 20. und 21. Bezirk (320.000 Einwohner) und hat drei Stationen mit je 20 Betten plus einer Tagesklinik.

In den letzten Monaten haben uns fünf Fachärzte verlassen – vier haben um Versetzung an eine andere Abteilung ersucht, eine ging zurück in ihr Heimat-Bundesland. Jetzt gibt es gerade noch vier Oberärzte, von denen eine kurz vor ihrer Pension steht und dementsprechend nicht mehr prädestiniert für viele Nachtdienste ist. Als Reaktion auf den Fachärztemangel hat man die gerontopsychiatrische Station gesperrt und alle Patienten ab 60 Jahren werden auf die anderen psychiatrischen Abteilungen verteilt. Der Primar macht selbst nur drei Nachtdienste und die offenen Oberarzt-Nachtdienste können nicht mehr besetzt werden. Darum sucht man jetzt Psychiater von außerhalb, die sie übernehmen sollen.

Wir wurden schon mehrmals vom Primar angewiesen, den Dienst ohne Oberarzt zu machen und bei Bedarf einen Oberarzt von einer anderen Abteilung zu rufen – Supervision nennt man das.

Wir wollen das aber nicht! Wir fühlen uns fachlich nicht sicher genug, alleine an der Abteilung zu arbeiten und haben Sorge, dass wir bei zeitgleichen Akutsituationen nicht zurechtkommen. Und wir dürfen nach dem Unterbringungsgesetz ja auch gar keine Aufnahmen alleine machen und dürfen auch nicht die Verantwortung für ambulante Begutachtungen übernehmen.
Außerdem haben unsere stationären Patienten oft auch körperliche Erkrankungen, die zu Zwischenfällen führen können. Risikopatienten können jederzeit versuchen, sich umzubringen, können stürzen oder fremdaggressiv gegen das Personal und Mitpatienten werden. Dazwischen verlässt vielleicht wieder ein Patient ohne Rücksprache die Station und man soll in Einschätzung der Gefährdung entscheiden, ob er polizeilich gesucht werden soll – auch das ist fachärztlich zu entscheiden, aber es ist kein Facharzt da! Ebenso wenig ist ein Facharzt da, wenn ein akut tobender Patient gegen seinen Willen behandelt werden muss. Wartet man dann, bis der Oberarzt der anderen Abteilung da ist und lässt den Patienten 20 Minuten lang festhalten und schreien? Oder beginnt man die medikamentöse Behandlung – mit dem Risiko eines Zwischenfalls – alleine?

Auch wenn zuletzt Rettungen weitergeschickt und nur ambulante Patienten begutachtet wurden, die selbstständig und ohne Rettung kamen, kann die Situation jederzeit eskalieren. Denn ob jemand mit der Rettung kommt oder nicht, sagt meist nichts über die Schwere der psychiatrischen Erkrankung aus. Ausnahmen sind hier Amtsarzteinweisungen und jene mit Polizeibegleitung, die meist schon zu einer stationären Aufnahme führen.

Aber was ist, wenn der Oberarzt der anderen Abteilung selbst gerade einen Notfall hat und nicht sofort kommen kann? Was ist, wenn der Patient in der Wartezeit zu Schaden kommt? Haften wir dann dafür?

Wir fühlen uns überfordert, weil wir nicht ausreichend lange psychiatrische Ausbildungszeiten haben, aber trotzdem Dienstanweisung erfüllen müssen, obwohl wir unsere Bedenken geäußert haben, dass es zu Gefährdungen kommen kann – sowohl für Patienten als auch für das Personal an den Abteilungen.

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