Warum ich den KAV verlasse

Von einer anonymen KAV-Assistenzärztin

Es beginnt damit, dass ich nach meinem Studium zwei Jahre auf eine Stelle bei der Stadt Wien warte – eine Zeit, die dazu dient „meinen Charakter zu stärken“, wie ich später seitens der Ärztlichen Direktion erklärt bekommen werde.
Endlich mache ich meine lang ersehnte Fachausbildung im KAV. Ich bin froh, meinem beruflichen Traum ein großes Stück näher gekommen zu sein. Die Arbeit am Patienten macht mir Spaß.
Obwohl ich im Monat 30 Überstunden mache, wird der Arbeitsalltag von einem permanenten Gefühl der ausgedünnten Ärztepräsenz dominiert. Ich bin zwar auf einer Station eingeteilt, muss aber immer wieder anderswo aushelfen, weil es sich sonst dort nicht mehr ausgeht – Patienten wirklich kennenzulernen, ist dadurch natürlich nicht möglich.

Weiterbildung auf Bereitschaft

Mein Mann ist auch Arzt und vollzeitbeschäftigt, inklusive Nachtdienste. Als wir Kinder bekommen, wird die Versorgung nach Ende der Karenz zu einer logistischen Großaufgabe – durch die Tatsache, dass ich bei der Stadt um 13 Uhr Schluss habe, letztendlich aber bewältigbar. Diesen frühen Dienstschluss muss ich mir allerdings durch vier 25-Stunden-Dienste im Monat, davon mindestens zwei an Wochenenden, erarbeiten. Meistens sind es allerdings fünf oder sechs.
Urlaubswünsche oder Kongressbesuche werden regelmäßig zum Kampf. Einmal wird mir gesagt: „Sie können nur unter der Bedingung am Kongress in Deutschland teilnehmen, dass Sie im Krankheitsfall eines Kollegen auf eigene Kosten zurückfliegen.“
Ich bin zuständig für die Dienstplaneinteilung und die Anwesenheiten auf den einzelnen Stationen. Da es kein funktionierendes Tool zur Unterstützung gibt, rechne ich alles händisch aus – zahllose Stunden, die ich hiermit verbringe, anstatt beim Patienten.

Voller Einsatz im Alltag, in den Medien verhöhnt

Als die ersten Gehaltsverhandlungen mit der Stadt Wien stattfinden, erlebe ich mit, wie mein Arbeitgeber (und auch meine offiziell zuständige Gewerkschaft) das mediale Bild von geldgierigen, auf ihren Privilegien sitzenden und nächtens grundsätzlich schlafenden Ärzten zeichnet. Und das, während ich in den verlängerten Diensten zu jeder Tages- und Nachtzeit Patienten aus ganz Wien behandle. Selbstständig kommend, mit der Rettung, in Begleitung besorgter Angehöriger, auch dem Frust und der Wut ausgesetzt, wenn die Therapie, die ich anbiete, nicht den Erwartungen entspricht.
Nachdem das Ergebnis der Verhandlungen feststeht, muss ich verfolgen, wie sich die Stadträdtin und der Generaldirektor selbst auf die Schulter klopfen, als sie verkünden, dass jetzt auch für Ärzte das Arbeitszeitgesetz gilt.

12,5-Stunden-Dienste: Urlaub nicht mehr möglich

Es ist auch das erste Mal die Rede von 12,5-Stunden-Diensten, die auf freiwilliger Basis auf Abteilungsebene und nur nach ausdrücklicher Zustimmung des einzelnen Arbeitnehmers eingeführt werden können. An meiner Abteilung ist völlig klar, dass eine Besetzung von sechs bis sieben Assistenzärzten das Bespielen eines solchen Dienstrades völlig unmöglich macht. Die Personaldecke würde aufgrund der erhöhten Ruhezeiten in einem nicht mehr tragbaren Maße weiter ausgedünnt werden. Wie dann jemand noch auf Urlaub gehen soll, weiß keiner.
Zudem wäre es für mich, abgesehen von der unerträglichen Arbeitssituation, keine Option, da meine „vermehrte“ Freizeit hauptsächlich zu Zeiten zu konsumieren wäre, in denen meine Kinder im Kindergarten und mein Mann in der Arbeit sind. Aber es ist ja freiwillig, also sagen wir nein.

Überstunden nur noch wochentags erlaubt

Da meine Überstunden gleichbleibend sind, steigt mein Gehalt zunächst tatsächlich um einige Prozent an – von den kolportierten 30 Prozent plus ist es allerdings meilenweit entfernt. Irgendwann wird in den Medien sogar von 50 Prozent die Rede sein. Bald darauf beschließt die Stadt, dass Überstunden nur noch wochentags und untertags eingetragen werden dürfen, wo sie natürlich nicht so viel wert sind. Dass ich auch Sonntagnacht Überstunden abarbeite, oder Weihnachten, oder Ostern, wird hier nicht weiter in Betracht gezogen.
Die in den Verhandlungen als Erfolg gefeierten erhöhten Nachtdienstzulagen wurden (bislang?) noch gar nicht ausgezahlt – ein EDV-Problem, wie praktisch.

Schließungen von Stationen und Ambulatorien

Es wird zu keiner Leistungsreduktion kommen, heißt es. In den folgenden Monaten erlebe ich jedoch in meiner unmittelbaren Umgebung mehrere Schließungen von Stationen oder Ambulatorien. Die Versorgung der dortigen Patienten muss jetzt von meiner Abteilung mitbespielt werden, auch wenn teilweise die Expertise dafür fehlt.
Pünktlich zum Sommerbeginn kommt die Dienstanweisung seitens der Generaldirektion, KAV-weit Nachtdiensträder zu streichen und Diensträder zwangsweise auf 12,5-Stunden umzustellen – so auch mein Dienstrad. Da keiner von uns das will, besprechen wir mit unserem Abteilungsvorstand Strategien, wie wir dem entkommen können.

Mit Kündigung gedroht

In der medialen Schlammschlacht, die auf den nahenden Ärztestreik folgt, lese ich in den Zeitungen regelmäßig Kommentare, dass ich nach 13 Uhr nur noch in meine Privatordination hechte und es daher ablehne, „die Nacht in den Tag zu verlagern“ (was auch immer das heißen soll). Zudem wird mir unterstellt, dass ich nicht selbst denken kann und nur von meiner Standesvertretung instrumentalisiert werde, und dass es abartig sei, diesen Arbeitskampf auszufechten.
In einer E-Mail wird mir vom Personalvorstand einer roten Stadtregierung geradeheraus mit Kündigung gedroht, sollte ich am Streik teilnehmen – dies unter dem Deckmantel einer „Fürsorgepflicht“.

Realität frisst Gehaltserhöhung

Ich erfahre in den Medien, dass ab sofort Überstunden (die ich mache, damit der Betrieb nicht auseinanderfällt) nicht mehr ausbezahlt werden. Den Zeitausgleich, der mir stattdessen zusteht, kann ich mir gemeinsam mit meinen zahllosen Resturlaubstagen in ein Regal stellen. Die ursprüngliche Gehaltserhöhung hat sich somit wieder erfolgreich egalisiert.

Das Porzellan ist nachhaltig zerschlagen

Die Stimmung in meiner Abteilung ist unter dem Gefrierpunkt. Früher hatte ich Spaß daran, mit meinem Team zu arbeiten. Heute ist eine ungestörte Arbeit kaum noch möglich, da uns jeden Tag eine andere Hiobsbotschaft seitens unseres Arbeitgebers überfällt. Haben sich damals mit mir gemeinsam noch elf andere um meine Ausbildungsstelle beworben, müssen wir heute froh sein, wenn wir überhaupt noch Interessenten finden. Das Porzellan ist nachhaltig zerschlagen, und ich kann niemandem mehr guten Gewissens empfehlen, eine Anstellung im KAV zu suchen.

Familienfeindliches Modell

Schließlich bekommen wir doch noch die Dienstanweisung seitens unseres Abteilungsvorstandes, das 12,5-Stunden-Modell umzusetzen. Die Argumente, die wir bisher dagegen gebracht haben, zählen nicht – es muss zumindest ausprobiert werden. Dass ich meine Familie dann noch weniger sehe, dass ich wesentlich häufiger eine Betreuung auf die Beine stellen muss, weil ich viel öfter meinen Dienst antreten muss, ist irrelevant.
Zu diesem Zeitpunkt bin ich mit meinem letzten Ausbildungsjahr fertig. Ich habe eine abgeschlossene teure Zusatzausbildung. Meine Facharztprüfung habe ich schon bestanden. In meiner Abteilung wäre man sicher froh, mich im nächsten Jahr als Fachärztin anzustellen.
Aber ich habe Gott sei Dank Alternativen – und der KAV kann sich ein solches Vorgehen wie in den letzten zwei Jahren nur bei Mitarbeitern leisten, die keine Alternative haben.

Also kündige ich.

Heute in der Morgenbesprechung fällt die verzweifelte Aussage einer erfahrenen Oberärztin: „Ich brenne hier aus!“ Die lapidare Antwort des Abteilungsvorstandes: „Das tun wir alle.“

Ich bin froh, dass ich gehe.

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  1. […] Quelle:  http://schuetzenwirunserespitaeler.at/warum-ich-den-kav-verlasse/ […]

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