Warum ich das Spital verlasse

Von einer anonymen KAV-Assistenzärztin

Es beginnt damit, dass ich nach meinem Studium zwei Jahre auf eine Stelle bei der Stadt Wien warte – eine Zeit, die dazu dient „meinen Charakter zu stärken“, wie ich später seitens der Ärztlichen Direktion erklärt bekommen werde.
Endlich mache ich meine lang ersehnte Fachausbildung im KAV. Ich bin froh, meinem beruflichen Traum ein großes Stück näher gekommen zu sein. Die Arbeit am Patienten macht mir Spaß.
Obwohl ich im Monat 30 Überstunden mache, wird der Arbeitsalltag von einem permanenten Gefühl der ausgedünnten Ärztepräsenz dominiert. Ich bin zwar auf einer Station eingeteilt, muss aber immer wieder anderswo aushelfen, weil es sich sonst dort nicht mehr ausgeht – Patienten wirklich kennenzulernen, ist dadurch natürlich nicht möglich.

Weiterbildung auf Bereitschaft

Mein Mann ist auch Arzt und vollzeitbeschäftigt, inklusive Nachtdienste. Als wir Kinder bekommen, wird die Versorgung nach Ende der Karenz zu einer logistischen Großaufgabe – durch die Tatsache, dass ich bei der Stadt um 13 Uhr Schluss habe, letztendlich aber bewältigbar. Diesen frühen Dienstschluss muss ich mir allerdings durch vier 25-Stunden-Dienste im Monat, davon mindestens zwei an Wochenenden, erarbeiten. Meistens sind es allerdings fünf oder sechs.
Urlaubswünsche oder Kongressbesuche werden regelmäßig zum Kampf. Einmal wird mir gesagt: „Sie können nur unter der Bedingung am Kongress in Deutschland teilnehmen, dass Sie im Krankheitsfall eines Kollegen auf eigene Kosten zurückfliegen.“
Ich bin zuständig für die Dienstplaneinteilung und die Anwesenheiten auf den einzelnen Stationen. Da es kein funktionierendes Tool zur Unterstützung gibt, rechne ich alles händisch aus – zahllose Stunden, die ich hiermit verbringe, anstatt beim Patienten.

Voller Einsatz im Alltag, in den Medien verhöhnt

Als die ersten Gehaltsverhandlungen mit der Stadt Wien stattfinden, erlebe ich mit, wie mein Arbeitgeber (und auch meine offiziell zuständige Gewerkschaft) das mediale Bild von geldgierigen, auf ihren Privilegien sitzenden und nächtens grundsätzlich schlafenden Ärzten zeichnet. Und das, während ich in den verlängerten Diensten zu jeder Tages- und Nachtzeit Patienten aus ganz Wien behandle. Selbstständig kommend, mit der Rettung, in Begleitung besorgter Angehöriger, auch dem Frust und der Wut ausgesetzt, wenn die Therapie, die ich anbiete, nicht den Erwartungen entspricht.
Nachdem das Ergebnis der Verhandlungen feststeht, muss ich verfolgen, wie sich die Stadträdtin und der Generaldirektor selbst auf die Schulter klopfen, als sie verkünden, dass jetzt auch für Ärzte das Arbeitszeitgesetz gilt.

12,5-Stunden-Dienste: Urlaub nicht mehr möglich

Es ist auch das erste Mal die Rede von 12,5-Stunden-Diensten, die auf freiwilliger Basis auf Abteilungsebene und nur nach ausdrücklicher Zustimmung des einzelnen Arbeitnehmers eingeführt werden können. An meiner Abteilung ist völlig klar, dass eine Besetzung von sechs bis sieben Assistenzärzten das Bespielen eines solchen Dienstrades völlig unmöglich macht. Die Personaldecke würde aufgrund der erhöhten Ruhezeiten in einem nicht mehr tragbaren Maße weiter ausgedünnt werden. Wie dann jemand noch auf Urlaub gehen soll, weiß keiner.
Zudem wäre es für mich, abgesehen von der unerträglichen Arbeitssituation, keine Option, da meine „vermehrte“ Freizeit hauptsächlich zu Zeiten zu konsumieren wäre, in denen meine Kinder im Kindergarten und mein Mann in der Arbeit sind. Aber es ist ja freiwillig, also sagen wir nein.

Überstunden nur noch wochentags erlaubt

Da meine Überstunden gleichbleibend sind, steigt mein Gehalt zunächst tatsächlich um einige Prozent an – von den kolportierten 30 Prozent plus ist es allerdings meilenweit entfernt. Irgendwann wird in den Medien sogar von 50 Prozent die Rede sein. Bald darauf beschließt die Stadt, dass Überstunden nur noch wochentags und untertags eingetragen werden dürfen, wo sie natürlich nicht so viel wert sind. Dass ich auch Sonntagnacht Überstunden abarbeite, oder Weihnachten, oder Ostern, wird hier nicht weiter in Betracht gezogen.
Die in den Verhandlungen als Erfolg gefeierten erhöhten Nachtdienstzulagen wurden (bislang?) noch gar nicht ausgezahlt – ein EDV-Problem, wie praktisch.

Schließungen von Stationen und Ambulatorien

Es wird zu keiner Leistungsreduktion kommen, heißt es. In den folgenden Monaten erlebe ich jedoch in meiner unmittelbaren Umgebung mehrere Schließungen von Stationen oder Ambulatorien. Die Versorgung der dortigen Patienten muss jetzt von meiner Abteilung mitbespielt werden, auch wenn teilweise die Expertise dafür fehlt.
Pünktlich zum Sommerbeginn kommt die Dienstanweisung seitens der Generaldirektion, KAV-weit Nachtdiensträder zu streichen und Diensträder zwangsweise auf 12,5-Stunden umzustellen – so auch mein Dienstrad. Da keiner von uns das will, besprechen wir mit unserem Abteilungsvorstand Strategien, wie wir dem entkommen können.

Mit Kündigung gedroht

In der medialen Schlammschlacht, die auf den nahenden Ärztestreik folgt, lese ich in den Zeitungen regelmäßig Kommentare, dass ich nach 13 Uhr nur noch in meine Privatordination hechte und es daher ablehne, „die Nacht in den Tag zu verlagern“ (was auch immer das heißen soll). Zudem wird mir unterstellt, dass ich nicht selbst denken kann und nur von meiner Standesvertretung instrumentalisiert werde, und dass es abartig sei, diesen Arbeitskampf auszufechten.
In einer E-Mail wird mir vom Personalvorstand einer roten Stadtregierung geradeheraus mit Kündigung gedroht, sollte ich am Streik teilnehmen – dies unter dem Deckmantel einer „Fürsorgepflicht“.

Realität frisst Gehaltserhöhung

Ich erfahre in den Medien, dass ab sofort Überstunden (die ich mache, damit der Betrieb nicht auseinanderfällt) nicht mehr ausbezahlt werden. Den Zeitausgleich, der mir stattdessen zusteht, kann ich mir gemeinsam mit meinen zahllosen Resturlaubstagen in ein Regal stellen. Die ursprüngliche Gehaltserhöhung hat sich somit wieder erfolgreich egalisiert.

Das Porzellan ist nachhaltig zerschlagen

Die Stimmung in meiner Abteilung ist unter dem Gefrierpunkt. Früher hatte ich Spaß daran, mit meinem Team zu arbeiten. Heute ist eine ungestörte Arbeit kaum noch möglich, da uns jeden Tag eine andere Hiobsbotschaft seitens unseres Arbeitgebers überfällt. Haben sich damals mit mir gemeinsam noch elf andere um meine Ausbildungsstelle beworben, müssen wir heute froh sein, wenn wir überhaupt noch Interessenten finden. Das Porzellan ist nachhaltig zerschlagen, und ich kann niemandem mehr guten Gewissens empfehlen, eine Anstellung im KAV zu suchen.

Familienfeindliches Modell

Schließlich bekommen wir doch noch die Dienstanweisung seitens unseres Abteilungsvorstandes, das 12,5-Stunden-Modell umzusetzen. Die Argumente, die wir bisher dagegen gebracht haben, zählen nicht – es muss zumindest ausprobiert werden. Dass ich meine Familie dann noch weniger sehe, dass ich wesentlich häufiger eine Betreuung auf die Beine stellen muss, weil ich viel öfter meinen Dienst antreten muss, ist irrelevant.
Zu diesem Zeitpunkt bin ich mit meinem letzten Ausbildungsjahr fertig. Ich habe eine abgeschlossene teure Zusatzausbildung. Meine Facharztprüfung habe ich schon bestanden. In meiner Abteilung wäre man sicher froh, mich im nächsten Jahr als Fachärztin anzustellen.
Aber ich habe Gott sei Dank Alternativen – und der KAV kann sich ein solches Vorgehen wie in den letzten zwei Jahren nur bei Mitarbeitern leisten, die keine Alternative haben.

Also kündige ich.

Heute in der Morgenbesprechung fällt die verzweifelte Aussage einer erfahrenen Oberärztin: „Ich brenne hier aus!“ Die lapidare Antwort des Abteilungsvorstandes: „Das tun wir alle.“

Ich bin froh, dass ich gehe.

Ich hätte da ein paar Fragen …

Ein Oberarzt der Chirurgie bloggt

Hat sich der KAV eigentlich überlegt,

– wie in einer 40-Stunden-Woche eine Assistenzarztausbildung an einer chirurgischen Abteilung erfolgen kann,
– der OP-Katalog überhaupt erfüllt werden kann,
– wie der Fortbildungsnachweis erbracht werden kann, wenn die Anwesenheit bei der wöchentlichen Fortbildung nahezu unmöglich wird,
– wie die Ausbildung ohne entsprechende Routinedienstpräsenz angerechnet werden kann,
– wie die jungen Fachärzte für größere und schwierigere OPs angelernt und darauf vorbereitet werden,
– und vor allem von wem?

In der Chirurgie gibt es in 40 Stunden keine OP-Routine, keine Lernkurve und man bleibt auch nicht in Übung. Schon gar nicht, wenn nebenher auch Ambulanz- und Stationsarbeit wie auch Administratives zu erledigen sind.
Wer von den stationsführenden Oberärzten kann eine Station ohne ausreichende Anwesenheit tatsächlich führen, wenn er nur drei von sieben Tagen anwesend ist und in dieser Zeit auch noch operiert?
Welcher Primar kann seine Abteilung auf diese Art führen, wenn er selbst viele Stunden für aufwändige Eingriffe im OP steht – und dafür dann tagelang abwesend sein müsste, um nicht über die 40 Stunden zu kommen?
Ist es tatsächlich rechtens, dass ein Dienstgeber Überstunden verbietet, wenn dies so einschneidende Konsequenzen für die Ausbildung und derzeitige wie künftige Patientenversorgung hat? Vor allem auch, wenn es um medizinische Versorgung geht, die auf gar keinen Fall „ausgelagert“ werden kann – weder in die Niederlassung noch in die Privatmedizin.
Ist es tatsächlich möglich – und damit meine ich rechtlich haltbar – dass durch eine Verordnung/ein Dekret/eine Entscheidung des Dienstgebers die Ausbildung nicht nur ineffizient, sondern vollkommen unmöglich wird?
Mit der 40-Stunden-Woche – so glaube ich – kippt nicht nur die Patientenversorgung, sondern die Facharztausbildung per se. Vor allem in Fächern, welche einen Arbeitstag nur bedingt planen können.
Darf der KAV wirklich durch das Verbieten von Überstunden die Facharztausbildung wie auch die Ausbildungstätigkeit und bisherige Patiententätigkeit zunichtemachen?

Psychiatrische Abteilung: Wir sind überfordert ohne Facharzt!

Von einer anonymen Assistenzärztin am Otto-Wagner-Spital.

Die 4. psychiatrische Abteilung des Otto-Wagner-Spitals versorgt psychisch Kranke vom 20. und 21. Bezirk (320.000 Einwohner) und hat drei Stationen mit je 20 Betten plus einer Tagesklinik.

In den letzten Monaten haben uns fünf Fachärzte verlassen – vier haben um Versetzung an eine andere Abteilung ersucht, eine ging zurück in ihr Heimat-Bundesland. Jetzt gibt es gerade noch vier Oberärzte, von denen eine kurz vor ihrer Pension steht und dementsprechend nicht mehr prädestiniert für viele Nachtdienste ist. Als Reaktion auf den Fachärztemangel hat man die gerontopsychiatrische Station gesperrt und alle Patienten ab 60 Jahren werden auf die anderen psychiatrischen Abteilungen verteilt. Der Primar macht selbst nur drei Nachtdienste und die offenen Oberarzt-Nachtdienste können nicht mehr besetzt werden. Darum sucht man jetzt Psychiater von außerhalb, die sie übernehmen sollen.

Wir wurden schon mehrmals vom Primar angewiesen, den Dienst ohne Oberarzt zu machen und bei Bedarf einen Oberarzt von einer anderen Abteilung zu rufen – Supervision nennt man das.

Wir wollen das aber nicht! Wir fühlen uns fachlich nicht sicher genug, alleine an der Abteilung zu arbeiten und haben Sorge, dass wir bei zeitgleichen Akutsituationen nicht zurechtkommen. Und wir dürfen nach dem Unterbringungsgesetz ja auch gar keine Aufnahmen alleine machen und dürfen auch nicht die Verantwortung für ambulante Begutachtungen übernehmen.
Außerdem haben unsere stationären Patienten oft auch körperliche Erkrankungen, die zu Zwischenfällen führen können. Risikopatienten können jederzeit versuchen, sich umzubringen, können stürzen oder fremdaggressiv gegen das Personal und Mitpatienten werden. Dazwischen verlässt vielleicht wieder ein Patient ohne Rücksprache die Station und man soll in Einschätzung der Gefährdung entscheiden, ob er polizeilich gesucht werden soll – auch das ist fachärztlich zu entscheiden, aber es ist kein Facharzt da! Ebenso wenig ist ein Facharzt da, wenn ein akut tobender Patient gegen seinen Willen behandelt werden muss. Wartet man dann, bis der Oberarzt der anderen Abteilung da ist und lässt den Patienten 20 Minuten lang festhalten und schreien? Oder beginnt man die medikamentöse Behandlung – mit dem Risiko eines Zwischenfalls – alleine?

Auch wenn zuletzt Rettungen weitergeschickt und nur ambulante Patienten begutachtet wurden, die selbstständig und ohne Rettung kamen, kann die Situation jederzeit eskalieren. Denn ob jemand mit der Rettung kommt oder nicht, sagt meist nichts über die Schwere der psychiatrischen Erkrankung aus. Ausnahmen sind hier Amtsarzteinweisungen und jene mit Polizeibegleitung, die meist schon zu einer stationären Aufnahme führen.

Aber was ist, wenn der Oberarzt der anderen Abteilung selbst gerade einen Notfall hat und nicht sofort kommen kann? Was ist, wenn der Patient in der Wartezeit zu Schaden kommt? Haften wir dann dafür?

Wir fühlen uns überfordert, weil wir nicht ausreichend lange psychiatrische Ausbildungszeiten haben, aber trotzdem Dienstanweisung erfüllen müssen, obwohl wir unsere Bedenken geäußert haben, dass es zu Gefährdungen kommen kann – sowohl für Patienten als auch für das Personal an den Abteilungen.

KAV lenkt ein – Nachtdienstrad bleibt besetzt

Wir konnten einen weiteren Erfolg erzielen! Der KAV hat der Ärztekammer heute Morgen zugesichert, dass das Nachtdienstrad an der Kinderabteilung im Wilhelminenspital nicht gestrichen wird. schuetzenwirunserespitaeler.at konnte genug Druck erzeugen und die Verantwortlichen zur Vernunft bringen.

Wir sehen das als kleinen Schritt in die richtige Richtung – es gibt aber noch viel zu tun.

Wilhelminenspital streicht Nachtdienst in Kinderabteilung!

Wie schuetzenwirunserespitaeler.at aus verlässlichen Quellen erfuhr, wurde im Wilhelminenspital ein Nachtdienst in der Kinderabteilung (!!!) gestrichen. Zusätzlich soll ein weiterer auf 12,5 Stunden reduziert werden. Diese Rationalisierungsmaßnahmen sind nicht hinzunehmen – vor allem dann nicht, wenn es sich um Kinderabteilungen handelt.

Bezeichnend ist, dass diese Maßnahmen ohne jegliche Abstimmung mit dem Mittelbau durchgesetzt wurden. Scheinbar soll dieses „Modell“ in allen KAV-Spitälern durchgezogen werden – eine angstmachende Vorstellung!
Genau darum ist es wichtig, ständig wachsam zu sein und auf diese Entwicklungen aufmerksam zu machen. Es darf in unseren Wiener Krankenhäusern keine Einsparungen dieser Art geben!

Dieser Blog ist das Resultat aus Einsendungen, die wir unter http://schuetzenwirunserespitaeler.at/#ihrestory erhalten haben.

Unsere Abhängigkeit vom Versicherungsriesen

von Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Ärztekammer für Wien

Nach der Privatklinik Döbling und der Confraternität-Privatklinik Josefstadt will sich die UNIQA nun das nächste Belegspital in Wien unter den Nagel reißen: das Goldene Kreuz. Damit würde der Versicherungskonzern bereits über 50 Prozent aller Wiener Belegspitäler besitzen. Dass dies nichts Gutes für Patienten und Ärzte bedeutet, liegt auf der Hand. Zwar spricht man auf Seiten der UNIQA-Tochter PremiQaMed nur von einer strategischen Partnerschaft mit Mehrheitsbeteiligung. In Wahrheit aber nimmt die UNIQA mit dieser Übernahme eine absolut marktbeherrschende Stellung ein. Dadurch kann sie die Versicherten hinsichtlich ihrer Prämien und die Ärzte hinsichtlich ihrer Honorare massiv unter Druck setzen. Die UNIQA verleugnet diese Fakten und spricht von einem Marktanteil von 9,4 Prozent. Hier bedient sich die UNIQA übler Zahlentricks, die an der Realität völlig vorbeigehen.

Bei den Geburtskliniken ist die Situation noch dramatischer. Über 80 Prozent der Geburten würden nach der Übernahme in UNIQA-Kliniken stattfinden. Für werdende Mütter in Wien ist die Übernahme des Goldenen Kreuzes daher eine Katastrophe. Wenn diese ihr Kind nämlich von ihrem niedergelassenen Gynäkologen entbinden lassen möchten, sind sie zukünftig völlig von der UNIQA abhängig.

Deshalb hat die Ärztekammer für Wien eine umfassende Stellungnahme an den Bundeskartellanwalt sowie an die Bundeswettbewerbsbehörde eingebracht. Im Interesse aller Versicherten und Ärzte hoffen wir, dass die Behörden diesen Zusammenschluss verhindern werden.

 

Einigung mit der Gemeinde Wien

Eine deutliche Erhöhung bei der Abgeltung von Nacht-, Sonn- und Feiertagsdiensten, Zuschläge für alle an einer zentralen Notaufnahme tätigen Ärztinnen und Ärzte sowie veränderte Dienstzeiten nur mit Zustimmung der betroffenen Mitarbeiter – das sind einige der Eckpunkte der soeben erzielten Vereinbarung zum neuen Dienstzeitmodell und Besoldung der Ärztinnen und Ärzte im Wiener KAV.

Nach einem wahren Kraftakt im Kampf um neue Arbeitsbedingungen in den Wiener Gemeindespitälern gibt es nun doch eine Einigung zwischen der Wiener Ärztekammer und der Stadt Wien: Im Vorfeld der Kuriensitzung am 1. Juli 2015 wurden zwischen der Stadt Wien, der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten und der Ärztekammer – vertreten durch Kammeramtsdirektor Thomas Holzgruber – informelle Gespräche geführt, in denen ein Paket erarbeitet wurde, welches entscheidende Nachbesserungen enthielt. Dieses Paket wurde dann in der Kurie mit deutlicher Mehrheit angenommen – ein allfälliger Streik war damit vom Tisch.

Der Blick zurück
Bereits im November vergangenen Jahres hatte die Wiener Ärztekammer sofortige Verhandlungen über die Arbeitszeiten der Spitalsärzte gefordert, um drohende massive Gehaltseinbußen zu verhindern. Im Rahmen der mit 1. Jänner 2015 in Kraft getretenen Novelle des Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetzes, wird die wöchentliche Höchstarbeitszeit für Spitalsärzte schrittweise bis zum Jahr 2021 auf durchschnittlich 48 Stunden pro Woche herabgesetzt. Während in anderen Bundesländern schon lange im Vorhinein entsprechende Änderungen bei den Arbeitszeiten sowie Gehaltsanpassungen durchgeführt wurden, ist in Wien jahrelang nichts passiert.
In der Vollversammlung der Ärztekammer für Wien am 9. Dezember 2014 wurde schließlich ein Beschluss zur Forderung der Erhöhung der Grundgehälter um 30 Prozent gefasst. Auch wurden ausreichend Geldmittel für Kampf- und Streikmaßnahmen bereitgestellt.
Doch auch nach dem Inkrafttreten der Gesetzesnovelle mit Jahreswechsel liefen die Verhandlungen über die neuen Arbeitsbedingungen nur sehr zäh an, im Spitalsbetrieb machten sich erste Versorgungsengpässe bemerkbar. Das führte zu einem ersten Höhepunkt der Protestwelle: die Großkundgebung in der Halle E im Museumsquartier am 19. Jänner 2015, an der mehr als 1500 Ärztinnen und Ärzte teilgenommen und ihren Unmut über die zähen Verhandlungen mit den Arbeitgebern – damals gab es mit noch keinem Wiener Spitalsträger eine Einigung – Luft gemacht haben. Diese von der Ärztekammer initiierte Protestmaßnahme führte zumindest einmal zu intensiven Verhandlungen und einer ersten Annäherung.
Am 29. Jänner 2015 wurde dann sogar eine Einigung zwischen der Stadt Wien, dem Wiener Krankenanstaltenverbund, der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten und der Ärztekammer verkündet und ein neues Gehaltsschema mit einer Erhöhung der Grundgehälter zwischen 19 bis 29 Prozent präsentiert – eine doch zu frühe Erfolgsmeldung, denn kurze Zeit später stellte die Gesundheitsstadträtin Einsparungen in Form einer Personalreduktion von ungefähr 400 Stellen in den Raum, eine für die Ärztekammer inakzeptable Maßnahme, da dadurch massive Leistungseinschränkungen für Patienten zu befürchten waren. Nach und nach kristallisierten sich dann auch noch weitere negative Auswirkungen für die in der Gemeindespitälern tätigen Kolleginnen und Kollegen heraus, was schließlich dazu führte, dass das Verhandlungsergebnis Anfang März im Rahmen einer Urabstimmung von 87,44 Prozent der betroffenen Kolleginnen und Kollegen abgelehnt wurde. Das Gehaltsschema wurde dennoch im Wiener Gemeinderat beschlossen, um ein Inkrafttreten mit 1. Juli 2015 zu ermöglichen.

Keine Personalreduktionen
Die neu aufgestellten Forderungen der Ärztekammer beinhalteten als zentrale Forderung eine angemessene Abgeltung von Nacht-, Sonn- und Feiertagsdiensten sowie einen Stopp aller Pläne hinsichtlich Personalreduktionen. Die Protestmaßnahmen der Ärzteschaft gipfelten schließlich am 23. März 2015 in einem Demonstrationszug und einer Großkundgebung in der Wiener Innenstadt, an der sich mehr als 2000 Ärztinnen und Ärzte beteiligten.
Obwohl man durch diesen Protest weitere Verhandlungen erzwingen konnte, gab es inhaltlich nur kleine Fortschritte. Auch ein zweites Verhandlungspaket wurde von der Kurie abgelehnt. Eine völlige Gesprächsverweigerung seitens der Gesundheitsstadträtin war daraufhin die Folge. Während es Ende Mai sowohl für die Kolleginnen und Kollegen der Ordensspitäler als auch – nach Streikdrohung – der MedUni Wien zu einer Einigung hinsichtlich eines neuen Besoldungsschemas kam, hielt die Stadt Wien, und mit ihr der KAV, an ihrer Blockadehaltung also fest. Die offenen Forderungen der Ärzteschaft blieben unerfüllt. Für die Kurie machte dies weitere Protestmaßnahmen unumgänglich.
Analog zum AKH führte die Ärztekammer daher vom 19. bis 24. Juni 2015 eine Abstimmung über die Bereitschaft der KAV-Kollegenschaft, sich an einem Streik zu beteiligen, durch. An der Abstimmung nahmen 2214 der 3809 stimmberechtigten Kolleginnen und Kollegen teil. Mit 93,45 Prozent stimmte eine beeindruckende Mehrheit für einen Streik.

In letzter Minute
Angesichts eines drohenden Streikbeschlusses der Kurie am 1. Juli 2015 besserte Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely auf Basis der davor stattgefundenen informellen Gespräche dann doch noch das Angebot der Stadt Wien ordentlich nach und ging damit auf alle fünf offenen Forderungen der Ärztekammer ein (siehe unten). Vor allem die Frage um die Abgeltung von Nacht-, Sonn-, und Feiertagsdiensten konnte dabei geklärt werden. Das Paket enthält außerdem Funktionszulagen für bestimmte Bereiche, zum Beispiel für die zentralen Not-aufnahmen. Das führte dazu, dass am 1. Juli schließlich eine Einigung mit der Stadt Wien beschlossen werden konnte. Zwei dabei noch bestehende Vorbehalte wurden am Tag darauf von der Stadt Wien akzeptiert. Eine gemeinsame Monitoring-Gruppe, bestehend aus Ärztekammer, Gewerkschaft, KAV und Stadt Wien, wird sich nun in einem ersten Schritt vor allem mit den derzeit laufenden Umsetzungsmaßnahmen an den Abteilungen sowie der Einbindung der betroffenen Ärztinnen und Ärzte befassen.

Was die Ärztekammer für Sie erreicht hat

Die Forderungen vor der Streikabstimmung und die Verhandlungsergebnisse im Überblick

  • Keine Personalreduktionen bei künftig begrenzter ärztlicher Arbeitszeit

Das haben wir erreicht: Innerhalb des KAV frei werdende ärztliche Ressourcen (zum Beispiel durch die Etablierung von zentralen Notaufnahme und damit Entlastung der anderen Abteilungen) werden genutzt, um derzeit stark belastete Bereiche zu unterstützen oder mittelfristig für die Stärkung der Versorgung im niedergelassenen Bereich zu sorgen. Die Personalausstattung folgt dabei dem Leistungsgeschehen der jeweiligen Abteilung. Eine Personalreduktion um ungefähr 400 Stellen, wie ursprünglich von der Stadt Wien geplant, ist damit vom Tisch.

  • Veränderte Dienstzeiten nur mit Zustimmung der betroffenen Mitarbeiter

Das haben wir erreicht: Die Wiener Ärztekammer, die Gewerkschaft der Gemeindebe-diensteten, die Stadt Wien sowie der KAV bekennen sich, die vereinbarten Punkte des Gesamtpakets so rasch wie möglich in der Umsetzung voranzutreiben. Als zentraler Schritt wird hierfür umgehend die Arbeit in der vereinbarten gemeinsamen Monitoring-Gruppe aufgenommen, die sich in einem ersten Schritt vor allem mit den derzeit laufenden Umsetzungsmaßnahmen an den Abteilungen und der Einbindung der betroffenen Ärztinnen und Ärzte durch anonyme Befragungen an den Abteilungen zu den Arbeitszeitmodellen befassen soll.

  • Verbesserung der Nachtdienstkompensation (Entlohnung, Freizeitkompensation), insbesondere an Samstagen, Sonn- und Feiertagen

Das haben wir erreicht: Zusätzlich zur Nachtdienst- und Sonn- und Feiertagszulage werden ab 1. Jänner 2016 allen Ärztinnen und Ärzten für jede erbrachte Arbeitsstunde innerhalb der Normalarbeitszeit an einem Sonn- oder Feiertag 7,25 Euro pro Stunde als weitere Zulage gewährt. Insgesamt beträgt die Zulage zusätzlich zum Grundgehalt für einen Samstags-/Sonntagsdienst ab 1. Jänner 2016 223 Euro und ab 1. Juli 2016 248 Euro. Die Zulage zusätzlich zum Grundgehalt für Sonntags-/Montagsdienste beträgt ab 1. Jänner 2016 311 Euro und ab 1. Juli 2016 336 Euro. Darüber hinaus werden alle Überstunden, die auf einen Sonn- oder Feiertag fallen, im Verhältnis 1:2 abgegolten (und nicht, wie von der Stadt Wien ursprünglich gefordert, nur im Verhältnis 1:1,5).
Ausgehend vom gemeinsamen Zielwert von ungefähr 100.000 Nachtdiensten jährlich wird die Nachtdienstzulage per 1. Jänner 2016 von 75 auf 135 Euro und per 1. Juli 2016 auf 160 Euro pro geleistetem Nachtdienst innerhalb der Normalarbeitszeit erhöht. Unbeschadet der bereits im Landtag beschlossenen Gehaltserhöhung für Allgemeinmediziner und Fachärzte im KAV zum 1. Jänner 2017 entfallen die für die Stadt Wien üblichen jährlichen Erhöhungen für die Berufsgruppe der Ärztinnen und Ärzte im Jahr 2016 und 2017. Im Falle eines Abschlusses für die Bediensteten der Stadt Wien für das Jahr 2017 von mehr als 2,5 Prozent würden jedoch auch die Ärztinnen und Ärzte eine Erhöhung in dem Prozentsatz, der diese 2,5 Prozent übersteigt, erhalten.

  • Fachärztliche Ausstattung und Ausbau von Notaufnahmen

Das haben wir erreicht: Alle an einer zentralen Notaufnahme tätigen Ärztinnen und Ärzte erhalten ab 1. Jänner 2016 pro geleisteter Stunde innerhalb der Normalarbeitszeit einen Zuschlag von 5 Euro pro Stunde. Ausgenommen davon sind Arbeitsstunden, die innerhalb eines verlängerten Dienstes (25-Stunden-Dienst) in einer zentralen Notaufnahme geleistet werden. Ziel ist eine stark etablierte Notaufnahme hinsichtlich Ablauforganisation und Qualifikation, um so die dadurch umfassten Abteilungen vor allem in der Nacht durch Reduktion der Nachtaufnahmen und Konsiliardienste entlasten zu können. Folglich ist auch der Abbau von Nachtdiensten an den so entlasteten Abteilungen möglich und die Personalausstattung der Leistung folgend anzupassen. Das Konzept der zentralen Notaufnahme beinhaltet die Einführung einer Triage nach international üblichen Beispielen sowie den von der Ärztekammer geforderten Wegfall der Begutachtungspflicht aller ambulanten Patienten durch einen einschlägigen Facharzt.

  • Adäquate Anpassung der Gehälter von ärztlichen Direktoren und Primarärzten an das neue Schema ärztlicher Entlohnung

Das haben wir erreicht: Ein neues Besoldungsschema für Primarärzte und ärztliche Direktoren wird bis spätestens Ende 2015 erarbeitet, womit die Besoldungsreform der Stadt Wien vorgezogen wird. Dabei wird ein umfassendes Gesamtpaket unter Berücksichtigung aller Aspekte (Gehaltsstruktur, Sonderklasse, Nebenbeschäftigungen, Führungsaufgaben, Führungsverantwortung, Bestellungsverfahren) erarbeitet. Es ist vereinbart, dass dabei auch eine rückwirkende Erhöhung mit 1. Juli 2015 in Höhe von 1200 Euro pro Monat (14-mal jährlich) enthalten sein wird.

Reduzierung von Kassenstellen: Wo sollen die Patienten hin?

von OMR Dr. Rudolf Hainz, 1. Stv. Obmann der Kurie Niedergelassener Ärzte der Ärztekammer für Wien

Ist eine funktionierende ärztliche Versorgung der Wiener Bevölkerung nur mehr den Ärztinnen und Ärzten ein Anliegen? Wenn man die Aussendungen zum Thema Umstrukturierungen des Wiener Gesundheitssystems genau liest und analysiert, könnte man diesen Eindruck tatsächlich gewinnen. Fakt ist: Wir fordern seit Jahren vehement mehr Kassenstellen im Facharzt- und Allgemeinmedizinbereich. Das Gegenteil passiert, weil es angeblich im RSG – dem Regionalen Strukturplan Gesundheit – so steht. Nicht nur hier geht man verantwortungslos und von völlig falschen Kriterien aus. Die wirklichen Bedürfnisse der Wiener Bevölkerung werden genauso wenig berücksichtigt wie die echten Anliegen der Ärztinnen und Ärzte.

Die Infrastruktur im niedergelassenen Bereich wurde schon seit Jahren reduziert, obwohl die Einwohnerzahl in Wien stetig gestiegen ist. Nun soll auch hier bei gleichzeitiger Schließung der Spitalsambulanzen erneut massiv reduziert werden. Schon jetzt ist es schwierig, einen Termin bei Fachärzten zu bekommen, weil sie größtenteils überlastet sind. Viele Allgemeinmediziner können keine neuen Patientinnen und Patienten mehr annehmen, weil sie jetzt schon weit über ihre Kapazitäten arbeiten. Wo sollen die Patientinnen und Patienten dann hin? Wer kümmert sich um sie, wenn viele Ärztinnen und Ärzte jetzt schon so überlastet sind?

Die Kolleginnen und Kollegen in den Spitälern warten seit Jahren auf menschenwürdige Arbeitsbedingungen und eine leistungsorientierte Honorierung. Ihre verantwortungsvolle Arbeit muss endlich geschätzt und aufgewertet werden. Die Arbeitszeiten müssen entsprechend den gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden. Bürokratische Auswüchse – hier könnte man vieles reduzieren – müssen sowohl im Spital als auch im niedergelassenen Bereich endlich auf ein vernünftiges Maß gebracht werden.

Die Burn-out Rate der Ärztinnen und Ärzte ist so hoch wie nie. Auch hier muss endlich von Seiten der Politik Vorsorge getroffen werden! Der geplante Wegfall der Spitalsambulanzen, wichtige Anlaufstellen für die Wiener Bevölkerung, wird vor allem im fachärztlichen Bereich zu dramatischen Versorgungsengpässen und massiven Mangelzuständen führen.

Zu glauben, einfach nur zu reduzieren ist der Stein der Weisen, wird sich zum Bumerang entwickeln und weder im stationären noch im niedergelassenen Bereich funktionieren. Eine Neustrukturierung kann nur dann funktionieren, wenn bei Reduktionen im Spitalsbereich gleichzeitig neue Strukturen im niedergelassenen Bereich geschaffen werden. Nicht Monate oder Jahre später, denn wo gehen die Patientinnen und Patienten in der Zwischenzeit hin?

Alles andere wäre grob fahrlässig und würde einer versorgungspolitischen Fehlleistung ersten Ranges entsprechen. Deshalb: Reformen ja, aber demokratisch, vernünftig und mit Weitblick. Wie? Durch gemeinsames Agieren von Stadt Wien, Wiener Gebietskrankenkasse und der Wiener Ärzteschaft. Zum Schutz unserer Ärztinnen und Ärzte in den Spitälern und im niedergelassenen Bereich und zum Wohle unserer Patientinnen und Patienten.